Ein Gedicht von Kenneth Rexroth, gemalt auf die Dächer dieser Welt

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Anlässlich seines Geburtstags

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Um den Geburtstag des Dichters und Anarchisten Kenneth Rexroth zu feiern, haben wir dieses Fotoessay erstellt, in dem sein Gedicht „Noretorp Noretsyh“ vorgestellt wird – auf drei Kontinenten quer über Wände und Dächer gemalt und geschrieben. Es wurden Anmerkungen hinzugefügt, um Rexroths zahlreiche historische Bezüge zu beleuchten.

Über die Kunstwerke wissen wir natürlich nichts. Wir haben nur die Fotos gefunden.


Rexroth ist einer der unbekannten Vorreiter des heutigen Anarchismus. Sein Werk war prägend für eine ganze Generation von Antiautoritären des 20. Jahrhunderts, doch abgesehen von einem Zitat1 im Buch Desert haben die meisten heutigen Anarchist*innen vermutlich noch nie von ihm gehört.

Nach dem zweiten Weltkrieg, als der Radikalismus weltweit vom Autoritarismus verdrängt worden war, gehörte Rexroth zu einer Hand voll Menschen, die den Weg für die Entstehung der gegenkulturellen Bewegungen der 1960er bereiteten.

Ein Medium für diesen Erneuerungsprozess war ein Lese- und Gesprächskreis, der „The Libertarian Circle genannt wurde, vermutlich ein Vorgänger der Berkeley Anarchist Study Group. In seiner Autobiographie erinnert sich Rexroth:

Es war immer voll dort und wenn das Thema des Abends „Sex und Anarchie“ war, kam man gar nicht hinein. Die Leute standen einander auf den Füßen und wir mussten zwei Treffen abhalten, eines mit den Überzähligen im Besprechungsraum im Erdgeschoss.

Es gab keinen Aspekt anarchistischer Geschichte oder Theorie, der nicht von einer qualifizierten Person vor- und anschließend zur Diskussion gestellt wurde. Nicht einmal bei den geschäftlichen oder organisatorischen Treffen gab es Vorsitzende oder eine Tagesordnung, dennoch verliefen sie geordnet und zügig. Unser Ziel war es, die radikale Bewegung nach ihrer Zerstörung durch die Bolschewiki neu zu begründen und alle Ideologen von Marx bis Malatesta neu zu durchdenken… Das trug unter anderem zur Entstehung der San Francisco Renaissance und zum für San Francisco typischen intellektuellen Klima bei.

Rexroth unterhielt auch eine Sendung beim von Hörer*innen finanzierten Radiosender KPFA in Berkeley, Kalifornien. Heute strahlt der Sender regelmäßig eine Sendung des anarchistischen Nachrichtenprojekts It’s Going Down aus.

Die Biografie Revolutionary Rexroth von Morgan Gibson könnt ihr hier auf Englisch lesen). Ken Knabb, bekannt für seine Übersetzungen von Werken der Situationistischen Internationale, hat auch eine Biografie geschrieben, The Relevance of Rexroth, die online zusammen mit einem Archiv von Rexroths Werken verfügbar ist.

“Jede Revolution wurde in der Poesie geboren, wurde zuerst durch die Macht der Poesie herbeigeführt… Echte Poesie […] bringt alle offenen Rechnungen der Geschichte wieder ins Spiel.“

In “Noretorp Noretsyh” nutzt Rexroth den Ungarischen Volksaufstand von 1956 als Ausgangspunkt um zu zeigen, wie die offenen Rechnungen der Geschichte bei jedem Umbruch wieder ins Spiel kommen. Omnia mutantur, nihil interit—Alles ändert sich, nichts geht zugrunde.

Wer von Euch zuerst das Gedicht im Ganzen lesen will, bevor ihr Euch die Kunstwerke und Anmerkungen anschaut, kann zum Anhang springen.


NORETORP-NORETSYH

Der Titel heißt “hysteron proteron” rückwärts buchstabiert. Das ist der griechische Begriff für eine rhetorische Figur, bei der ein späteres Ereignis am Anfang steht und Bezug auf ein früheres Ereignis nimmt, also eine Umkehrung der zeitlichen oder logischen Reihenfolge einer Aussage. In dem er die Reihenfolge der Buchstaben umkehrt, verkompliziert Rexroth die Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart weiter. Das daraufhin folgende Gedicht beginnt in der Gegenwart und schwenkt zurück in eine sich endlos und fortwährend entfaltende Vergangenheit.

Ein Gehweg von oben betrachtet.

Verregneter, rauchiger Herbst

Das Gedicht spielt zur Zeit des ungarischen Volksaufstands [oder hier etwas weniger ausführlich auf Deutsch; Anm. d. Übers.], der sich im Herbst 1956 ereignete. Nach dem Tod Josef Stalins 1953 waren in Ungarn Bewegungen für politische Freiheit und Arbeiterselbstverwaltung auf dem Vormarsch. Ihren Höhepunkt erlebten sie Ende 1956 – als die Sowjetunion Panzer einsetzte, um mithilfe einer neuen Regierung von loyalen Marionetten Ungarns Status als Vasallenstaat wieder zu sichern.

Hier könnt ihr eine Auswahl anarchistischer und staatskritischer Berichte auf Englisch über den Aufstand lesen. Obwohl Stalinisten lange versucht haben, alle, die die russische Invasion kritisierten, als Sympathisant*innen des Kapitalismus oder sogar Faschismus zu verleumden, wurde sie auch von prinzipientreuen Marxist*innen abgelehnt. Durch die Zerschlagung der antikapitalistischen Opposition sorgten die Behörden in Moskau dafür, dass nach dem endgültigen Zusammenbruch des Staatssozialismus im Ostblock unweigerlich Kapitalismus und rechtsextremer Nationalismus auf ihn folgen würden.

Partei-Hardliner, die die russische Invasion in Ungarn unterstützten, wurden mit dem neuen Begriff „Tankie“ bezeichnet.

Im Nordwesten des Pazifiks.

aufgetürmte Wolken
Am hell erleuchteten pazifischen Himmel.

Im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten.

Im Golden Gate Park, die Pfaue
schreien, durchstreifen fallende Blätter.

Vom 19. Jahrhundert bis mindestens in die 1950er Jahre wurde der Golden Gate Park in San Francisco von Pfauen bewohnt. Zehn Jahre nach der Zeit, in der das Gedicht angesiedelt ist, teilten die Diggers täglich um 16 Uhr kostenlose Mahlzeiten im Park aus, ein Vorläufer der „Food not Bombs“-Bewegung. Dreißig Jahre später fand dort die jährliche Anarchistische Buchmesse der Bay Area statt. Heute gibt es keine Pfauen mehr im Park. Ihre Schreie, die im Gedicht die unmittelbare, gegenwärtige Realität fühlbar machen, erreichen uns heute als Echos neben den anderen Geistern, die Rexroth heraufbeschwört.

Über einem Fluss, der in den Atlantik fließt.

In gerinnenden Nächten, in rußender Dunkelheit,
Marschieren die Matrosen von Kronstadt
Durch die Straßen von Budapest.

Im Februar 1921, nach Ende des russischen Bürgerkriegs, hielten die Besatzungen zweier russischer Kriegsschiffe, die in der Marinefestung von Kronstadt stationiert waren, eine Krisensitzung ab; sie reagierten damit auf die Niederschlagung von Arbeiter*innenorganisationen und autonomen Bäuer*innen in der entstehenden Sowjetunion. Es waren viele Matrosen dabei, die 1917 an den Fronten der Revolution zum Sturz des Zaren gekämpft hatten. Sie einigten sich auf fünfzehn Forderungen und erhoben sich gegen die sowjetische Obrigkeit.

Im darauffolgenden Monat, zeitgleich mit dem 50. Jahrestag der Pariser Commune, führten 60.000 Rotarmisten unter Leo Trotzki Lenins Anweisung aus, den Aufstand in Kronstadt niederzuschlagen, wobei sie Tausende töteten und einsperrten.

Eine der besten Möglichkeiten, mehr über die Ziele und Werte des Aufstands von Kronstadt zu erfahren, ist, die Zeitschrift des provisorischen Revolutionskomitees zu lesen. Hier findet ihr sie vollständig in englischer Sprache. Ihr könnt auch die Berichte von Alexander Berkman und Emma Goldman lesen.

Im Nordwesten des Pazifiks

Die Steine
Der Barrikaden erheben sich und bebend
Nehmen sie Form an.

1936, zwanzig Jahre zuvor, hatte Rexroth den Aufstand von Kronstadt in seinem Gedicht „Von der Pariser Kommune zur Rebellion von Kronstadt“ behandelt [unter dem Link findet Ihr das Gedicht im Original auf Englisch, wir haben hier einen Ausschnitt ins Deutsche übertragen]:

Sie gehen und sagen jede*r: “Ich bin eine*r von vielen”;
Ihre Hände sind leer, abgesehen von der Geschichte.
Sie sterben an Brücken, Brückentoren und Zugbrücken.
Erinnert euch jetzt, dass es zuvor andere gab;
Die Gräber sind voll an Furt und Brückenkopf.

Richmond, Virginia.

Sie formen die Gestalten
Von Machnos Bauernarmeen.

Nestor Machno war einer der unzähligen ukrainischen Bauern, die im Verlauf der russischen Revolution von 1917-1921 gegen eine Reihe zaristischer, kapitalistischer und kommunistischer Parteitruppen kämpften.

“Nach sieben Jahren im Gefängnis des Zaren wurde Machno im Zuge der Umstürze von 1917 entlassen. Er wurde schließlich ein Anführer der anarchistischen Kräfte, die abwechselnd gegen ukrainische Nationalisten, deutsche und deutsch-österreichische Besatzer, die reaktionäre Weiße Garde, die Rote Armee und verschiedene ukrainische Warlords kämpften, um einen Raum für anarchistische Kollektivexperimente zu schaffen. Machno und seine Genoss*innen trugen wiederholt die Hauptlast der Angriffe der Weißen Garde, während Trotzki sie abwechselnd mit der Roten Armee angriff und Verträge mit ihnen unterschrieb, wenn die Sowjets sie brauchten, um die reaktionäre Weiße Garde in Schach zu halten. Am 26. November 1920, einige Tage nachdem mit Machnos Hilfe die Weiße Garde schließlich besiegt worden war, berief die Rote Armee ihn und seine Genoss*innen zu einer Konferenz ein. Machno ging nicht hin. Die Bolschewiken ermordeten kurzerhand alle seine Genoss*innen, die hingegangen waren.“

-The Russian Counterrevolution

Machno und die anderen Überlebenden Rebell*innen kämpften weiter – doch da die Rote Armee nun mit all ihren Kräften gegen sie vorgehen konnte, waren sie gezwungen, im August 1921 ins Exil zu flüchten. 1934 starb Machno in Paris an Tuberkulose. Die beste Einführung in Machnos Leben bietet noch immer seine (leider noch nicht auf deutsch verfügbare) Biographie von Alexandre Skirda.

Brasilien.

Fackeln erhellen die Straßen.

Im Süden Amerikas.

Die benzingetränkten Leichen
Der Anarchisten von Solowki
Brennen an jeder Straßenecke.

Nach dem Sieg der Kommunistischen Partei über die Opposition im russischen Bürgerkrieg von 1918-1921 wurden anarchistische und kommunistische Dissident*innen ins Exil auf die Solowezki-Inseln geschickt und so eines der ersten Gefangenenlagern sogenannter Gulags (G(lavnoe) u(pravlenie ispravitelʹno-trudovykh) lag(ereĭ) („Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager und -Kolonien“), erschaffen.

Die uralten Klöster in der Stadt Susdal und auf den Solowezki-Inseln im Weißen Meer wurden in Gefängnisse für hunderte von politischen Gefangenen umgewandelt, die mit Demonstrationen und Hungerstreiks gegen ihre Gefangenschaft protestierten. Ein paar verzweifelte Seelen entschieden sich für die Selbstverbrennung, dem Beispiel der Altgläubigen folgend, die sich 250 Jahre zuvor, verbarrikadiert im Solowezki-Kloster, in menschliche Fackeln verwandelt hatten. Mitte der 1920er wurden die Anarchist*innen von Solowezki entfernt und auf die Tscheka-Gefängnisse im Uralgebirge verteilt oder in die sibirischen Strafkolonien verbannt.

-Paul Avrich, The Russian Anarchists

Rust Belt, USA.

Kropotkins verhungerter Leichnam wird
Im Staatsgewand vorbeigetragen
An den Büros der geduckten Bürokraten.

Der bekannte anarchistische Autor und Wissenschaftler Peter Kropotkin kehrte 1917 nach vier Jahrzehnten im Exil nach Russland zurück. Um die Autorität der Bolschewiki durch die Reputation eines allgemein respektierten Anarchisten zu legitimieren, unterhielt Wladimir Lenin herzliche Beziehungen mit ihm, ohne jedoch seine Bedenken ernst zu nehmen.

Im März 1920 schrieb Kropotkin an Lenin, um ihm von der Hungersnot der Angestellten in der Telegraphenabteilung des Postamts seiner Stadt zu berichten. Er argumentierte, dass die Bauern*Bäuerinnen und Arbeiter*innen nicht einmal ihre grundlegendsten Bedürfnisse befriedigen konnten, da sie keine selbstverwalteten Strukturen vor Ort aufgebaut hatten. Stattdessen waren sie der Gnade eines in großen Teilen ineffizienten Bürokratiesystems ausgeliefert, während die von der Regierung versprochene Versorgung mit Hilfsgütern zwei Monate im Verzug war:

„Ich erachte es als meine Pflicht zu bestätigen, daß die Situation dieser Angestellten wirklich verzweifelt ist. Die Mehrzahl ist buchstäblich am Verhungern. Das läßt sich aus ihren Gesichtern ablesen. Viele bereiten sich darauf vor, ihr Heim zu verlassen, ohne zu wissen, wohin sie gehen könnten. Und in der Zwischenzeit, das will ich offen sagen, führen sie ihre Arbeit gewissenhaft aus; sie haben sich mit ihrer Tätigkeit vertraut gemacht, und solche Arbeiter zu verlieren, wäre in keiner Weise im Interesse des lokalen Lebens.“

Am 15. Oktober 1920 erschien in der New York Times dieser Artikel eines Korrespondenten in Berlin:

KROPOTKIN VERHUNGERT.

Prinz Kropotkin stirbt Hungers. Eine der deutschen Handelsunionen hat die Information erhalten, dass der Veteran politischer Kämpfe so sehr unter einem Mangel an Nahrung und Bekleidung leidet, dass sein Tod während des kommenden Winters praktisch sicher ist.

Kropotkin ist nun 78 Jahre alt. Seinen ganzen Reichtum hat er stets der demokratischen Sache gewidmet und der oben genannte Bericht, den anzuzweifeln es keinen Grund gibt, zeichnet ein trauriges Bild vom Leid des großen alten Mannes und seiner Tochter Sascha.

Hier rufen Sozialisten aller Richtungen dazu auf, dem Prinzen und seiner Tochter Hilfe zu schicken und man hofft, dass diese sie durch die Rot-Kreuz-Gesellschaft erreichen wird.

Auch besteht die Hoffnung, dass die russische Regierung überzeugt werden kann, Kropotkin und seiner Tochter die Ausreise nach Italien oder der Schweiz zu gestatten, welche bislang verweigert worden war. Dort würden sich Freunde um sie kümmern.

Peter Kropotkin starb wenige Monate später am 8. Februar 1921.

Kropotkins Beerdigung am 13 Februar war wohl die letzte genehmigte anarchistische Demonstration in Russland vor dem Ende der Sowjetunion. Alexander Berkman, Emma Goldman und viele weitere prominente Anarchist*innen nahmen teil. Es gelang ihnen, genug Druck auf die Regierung auszuüben, um diese von der Freilassung sieben anarchistischer Gefangener für diesen Tag zu überzeugen. Die Bolschewiki behaupteten, sie hätten mehr entlassen, doch die anderen würden sich angeblich weigern, das Gefängnis zu verlassen. Victor Serge erzählt, wie Aaron Baron, einer der Anarchisten, der vorübergehend freigelassen wurde, vom Grab Kropotkins aus zu den Trauernden sprach bevor er im Schlund des sowjetischen Gefängnissystems verschwand.

Hier gibt es Aufnahmen von Kropotkins Beerdigung zu sehen.

Rexroth hat bereits in einem früheren Gedicht, “August 22, 1939”, auf Kropotkins Hungertod Bezug genommen, benannt nach dem Datum der Hinrichtung der Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti in den Vereinigten Staaten:

Kropotkin stirbt vor Hunger,
Berkman durch seine eigene Hand,
Fanny Baron beißt ihre Henker,
Makhno im Geruch der Verleumdung,
Trotzki auch, nehme ich an, leidenschaftlich, nach seiner Art.
Erinnert ihr Euch?
Wofür ist das alles gut, diese Poesie,
diese geballten Errungenschaften
zusammengefügt mit so viel Schmerz?

–“22. August, 1939,”

Die Fanny Baron, auf die er sich hier bezieht, ist Fanya Baron, die Ehefrau von Aaron Baron, die im September 1921 von den russischen Behörden ohne Prozess erschossen wurde. Trotzki rechtfertigte die Hinrichtung mit der Begründung, dass sie und die anderen zwölf mit ihr inhaftierten Anarchist*innen keine “wirklichen Anarchisten waren, sondern Kriminelle und Banditen, die sich damit tarnen, dass sie behaupten, Anarchisten zu sein.”

Norddeutschland.

In allen Politisolatoren
Von Sibirien melden sich die toten Partisanen zum Dienst.

Die “Politisolatoren” (politische Isolierungslager) waren Einrichtungen innerhalb des Gulagsystems, in denen Anarchist*innen, Kommunist*innen, die bei der Partei in Ungnade gefallen waren (und andere) eingekerkert waren – ganz ähnlich wie heute Anarchist*innen und andere politische Gefangene in den Vereinigten Staaten erst kürzlich in sogenannten “Communications Management Units” (CMUs) versenkt wurden.

Arizona.

Berneri, Andrés Nin,
Kommen von Spanien her mit einer Legion.

Luigi Camillo Berneri war ein bekannter italienischer, anarchistischer Organisator, der nach Spanien reiste, um im spanischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Ihm wurde ein Posten im ”Obersten Rat für Volkswirtschaft der Sowejetunion“ angeboten, doch er verweigerte seine Beteiligung an der Regierung.

Nachdem es zu Auseinandersetzungen zwischen Anarchist*innen und der von Stalin kontrollierten Kommunistischen Partei gekommen war, wurde das Haus angegriffen, das sich Berneri mit mehreren anderen Anarchist*innen teilte.

Er und seine Genoss*innen wurden als “Konterrevolutionäre” bezeichnet, entwaffnet, ihrer Papiere beraubt und mit einer Ausgangssperre belegt. Am 5. Mai 1937 wurde Berneri zusammen mit einem weiteren italienischen Anarchisten, Francisco Berbieri, von Stalinisten ermordet.

Andrés Nin war beteiligt an der Führung der „Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit“ (POUM) in Spanien bis 1937. Im Monat nach der Ermordung Berneris - auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs gegen Franco - setzte die Kommunistische Partei Spaniens die republikanische Regierung unter Druck, die POUM für illegal zu erklären und einen Großteil der Führung zu verhaften, einschließlich Nin. Er wurde unter der Aufsicht von russischen Agenten gefoltert und ermordet.

Österreich.

Carlo Tresca überquert
Den Atlantik mit der Berkman-Brigade.

Carlo Tresca war ein italienisch-amerikanischer Zeitungsverleger und Arbeiterorganisator, engagiert bei den Industrial Workers of the World (IWW). Als Freund von Juliet Stuart Poyntz äußerte er sich öffentlich, nachdem die russische Geheimpolizei sie offenbar hatte verschwinden lassen. Tresca wurde 1943 ermordet, wahrscheinlich von Mitgliedern der “organisierten Kriminalität”. Die Biographie von Nunzio Pernicone ist eine ausgezeichnete Quelle für Informationen über Trescas Leben.

Die “Berkman-Brigade” ist vermutlich eine fantasievolle Anspielung auf das Lincoln-Bataillon, eine internationale Gruppe von kommunistischen Freiwilligen, die im spanischen Bürgerkrieg kämpften.

Der langjährige anarchistische Schriftsteller und Organisator Alexander Berkman verstarb im Juni 1936. Wären 1956 in Ungarn anarchistische Freiwillige zusammengekommen, um gegen die russische Besatzungsmacht zu kämpfen – allerhöchstens ein schöner Traum, da die meisten Anarchist*innen zu diesem Zeitpunkt bereits inhaftiert oder getötet worden waren – hätten sie sich wohl unter einer solchen Flagge organisieren können.

Ostküste der Vereinigten Staaten.

Bucharin ist dem Rat für
Arbeit und Verteidigung beigetreten.

Anfänglich Linkskommunist, wandte sich Bucharin dem zu, was als rechter Flügel der bolschewistischen Partei bezeichnet wird. Er stieg in die oberen Ränge der Kommunistischen Partei auf, arbeitete letztlich mit Stalin zusammen, um Trotzki und weitere Kader von der Macht auszuschließen. Als Verfechter der wirtschaftlichen Liberalisierung geriet er mit Stalin beim Thema Kollektivierung aneinander und wurde am 15. März 1938 hingerichtet.

“Ich fühle Hilflosigkeit im Angesicht einer Höllenmaschine”, sagte Bucharin angeblich gegenüber seiner Frau kurz vor seiner Hinrichtung. Er wollte, dass sie sich seinen letzten Willen einpräge: “Wisst, Genossen, dass auf dem Banner, welches ihr im siegreichen Marsch zum Kommunismus tragt, auch ein Tropfen von meinem Blut ist.”

Es ist interessant, dass Rexroth Bucharin mit aufnahm, dessen politische Ansichten kaum mit den seinen übereinstimmten. Wenn Rexroth hier auf poetische Weise die Toten wieder auferstehen lässt, erhält jede Figur die Gelegenheit, ihre eigenen Fehler zu korrigieren und ihre Niederlagen zu rächen.

Neben einem besetzten Gemeinschaftsgarten.

Zwanzig Millionen
Tote ukrainische Bauern schicken Weizen.

Das bezieht sich auf die Abfolge von Hungersnöten in der Ukraine während der Aufstände im frühen 20. Jahrhundert, einschließlich des Holodomor von 1932 und 1933, durch den Millionen Ukrainer*innen verhungerten. Die meisten Historiker*innen gehen von wesentlich niedrigeren Todesraten aus als Rexroth; die niedrigste Schätzung liegt bei drei Millionen – jedenfalls immernoch eine Menge Todesfälle. Manche beschuldigen Stalin, durch Missmanagement absichtlich einen ungehorsamen Teil der Bevölkerung getötet zu haben.

Reaktionäre Rechte haben die Thematik verdreht, um ihre eigenen autoritären Projekte mit der Geschichte des Holodomor zu rechtfertigen. Doch auch der Kapitalismus hat zu unzähligen Hungersnöten und unnötigen Todesfällen geführt – genau wie der Faschismus.

Um wieder auf Kropotkins Brief an Lenin zurückzukommen: Die Frage ist, wie die Verteilung von Ressourcen und Macht organisiert werden kann, so dass keine*r Anderen den Zugang zu dem verwehren kann, was sie zum Überleben brauchen.

Ein Krankenhaus während der Covid-19-Krise

Julia Poyntz organisiert die amerikanischen Krankenschwestern.

Geboren in Omaha, Nebraska, angestammtes Mitglied der Daughters of the American Revolution und später Klassensprecherin und Rednerin auf der Abschlussfeier, beschrieb sich Julia Poyntz 1912 selbst als “eine Suffragette oder schlimmer; immer noch eine Feministin und auch eine Sozialistin (auch von der schlimmsten Sorte).” In der Hoffnung, die Sache der Arbeiter*innenschaft voranzubringen, trat sie der Kommunistischen Partei bei, lies sich mit der russischen Geheimpolizei ein und distanzierte sich dann 1936 von der Partei, desillusioniert von deren Methoden. 1937 verschwand sie spurlos, im gleichen Monat, in dem Andrés Nin ermordet wurde. Es wird weithin angenommen, dass sie von der russischen Geheimpolizei entführt und hingerichtet wurde.

Im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten.

Gorki hat ein Manifest geschrieben
“Intellektuelle dieser Welt!”

Maxim Gorki wuchs im zaristischen Russland in extremer Armut auf. Er wurde ein erfolgreicher Schriftsteller, eine Stimme der russischen Unterschicht. Gorki beteiligte sich an der sozialistischen Bewegung an der Seite der Bolschewiki, obwohl es oft Reibereien zwischen ihm und Mitgliedern der Intelligenzija wie Lenin und Trotzki gab. Enttäuscht durch die Unterdrückung von Sozialist*innen in Russland durch die Kommunistische Partei, lebte er seit 1921 außerhalb Russlands. Am Ende schloss er Frieden mit den stalinistischen Behörden und kehrte in sein Heimatland zurück, wo er im Juni 1936 unter Hausarrest an einer Lungenentzündung starb.

In der San Francisco Bay Area, wo Kenneth Rexroth lebte.

Majakowski und Jessenin
Haben zusammen an einer Ode gearbeitet,
“Lasst SIE Selbstmord begehen.”

Sergei Alexandrowitsch Jessenin und Wladimir Wladimirowitsch Majakowski gehörten zu den erfolgreichsten Dichtern der frühen Sowjetunion. Belebt von den Kämpfen der Russischen Revolution, aber erdrückt von der Atmosphäre, die danach aufkam, begingen beide Selbstmord – Jessenin 1925 und Majakowski 1930.

Die Schlusszeilen von Jessenins letztem Gedicht lauten:

Auf Wiedersehn, mein Freund, nicht Wort und Hand,
Zerfurche nicht vor Trauer dein Gesicht, -

Im Diesseits war das Sterben längst bekannt,
Und, wirklich, gar so neu ist Leben nicht.

Fest entschlossen, seinen Kampfgeist aufrecht zu erhalten, antwortete Majakowski auf das Gedicht des toten Jessenin mit einem eigenen, lebensbejahrenden Gedicht:

Was sind das für Sachen?
Zuzulassen, daß die Backen des Todes Kreide überspannt?
Sie verstanden solche Drehs zu machen,
wie’s kein andrer auf der Welt verstand.

Marsch! Daß hinter uns
die Zeit Kugeln stoß.
Daß zur alten Zeit ein Windstoß
brächte die zerrauften Haare bloß.
Unser Erdball ist für Freude noch zu wenig uns gegeben.
Sterben ist nicht schwer
in diesem Leben.
Leben schaffen,
schwerer ist das viel.

Doch auch Majakowski wurde letztendlich gebrochen. In seinem letzten veröffentlichten Gedicht “Lautstark”, schreit er zu uns über ein Jahrhundert des Totalitarismus und der Tragödie hinweg, indem er jeden Satz mit einer doppelten Bedeutung versieht - über die Köpfe jener Beamt*innen hinweg, die ihn zu einer öffentlichen Ikone machten, während sie sein Schaffen überwachten - um heute zu uns zu sprechen zu können:

Agitprop klebt auch in meinen Zähnen,
Lieber würd‘ ich für dich Romanzen erzählen –
Das wär‘ profitabler
Und hätt‘ auch mehr Reiz.

Doch ich hab’ mich selbst gebändigt,
Die Hand am meiner Kehle eigenen Gesang.

Hört zu, Genossen der Nachwelt,
Dem Agitator, dem Rattenfänger.

Den Fluss der Poesie unterdrückend,
Überspringe ich die Gedichtbände;
Als der Lebendige
Spreche ich zu den Lebenden.
Ich treff‘ euch dann
In der fernen kommunistischen Zukunft,
Der ich
Kein Jessenin-mäßiger Superheld bin.

Meine Verse werden euch erreichen,
Über die Gipfel der Zeitalter hinweg,
Über die Köpfe
Der Regierungen und Dichter. […]

Wenn ich erscheine vor der zentralen Prüfkommission der Partei für die kommenden
Leuchtenden Jahre,
Erhebe ich mithilfe meines bolschewistischen Parteibuchs
Über die Köpfe
Einer Bande selbstsüchtiger
Dichter und Halunken,
Alle hundert Bände
Meiner
Dem Kommunismus gewidmeten Bücher.

Hier ist Majakowskis Abschiedsbrief, geschrieben im April 1930 in der relativen Freiheit eines Menschen, der den Tod der Wahrung des Scheins vorzieht:

Es ist nach Eins. Du bist wahrscheinlich schon ins Bett gegangen.
Die Milchstraße fließt silbern, ein Fluß durch die Nacht.
Ich beeile mich nicht, ich muss dich nicht wecken
Oder dich belästigen mit Blitztelegrammen.
Wie man so sagt, der Fall ist erledigt;
das Boot meiner Liebe am Alltag zerschlug.
Wir sind quit, Du und ich. Kein Aufrechnen nötig
Gemeinsame Sorgen, gegenseitige Schmerzen und Ungerechtigkeiten.
Schau: Wie still die Welt ist.
Die Nacht verhüllt den Himmel mit dem Glanz der Sterne.
In solchen Momenten kann man sich erheben, stehen und sprechen
Zur Geschichte, zur Unendlichkeit und der ganzen Schöpfung.

Paris, Frankreich.

In der ungarischen Nacht
Sprechen alle Toten mit einer Stimme,

Über dem Mississippi.

Während wir radeln durch den grünen
Und sonnengefleckten November
Kaliforniens.

Ein Parkdeck im Süden der Vereinigten Staaten

Ich kann diese Stimme hören
Klarer als den Schrei der Pfauen,
Am herbstlich sich senkenden Nachmittag.

New York City.

Wie bemalte Flügel, die Farbe
Aller herbstlichen Blätter,

Detroit.

Der Rock mit runden Batikmustern
Den ich für dich gemacht habe, flackert im Wind
Über deinen unvergleichlichen Schenkeln.

Gegen Ende des Gedichts begegnen wir einem geschichtlichen Rätsel. Es wurde 1956-57 geschrieben, gedacht für eine Ausgabe der Evergreen Review. Doch es wird allgemein angenommen, dass der englische Ausdruck “tie-dye” [für die Färbetechnik “Batik”] erst ein Jahrzehnt später auftauchte, als die Technik in der Bay Area bekannt wurde – manche schreiben sie sogar den oben genannten Diggers zu. Hat Rexroth das Batiken erfunden, zehn Jahre vor dessen anerkannten Ursprung?

“Unzweifelhaft: Die Dinge beginnen nicht; oder sie beginnen nicht, wenn sie erschaffen wurden. Oder die Welt wurde alt erschaffen,” formulierte es Macedonio Fernandez in seinem Roman, Das Museum von Eternas. Fernandez, ein weiterer wenig beachteter, aber einflussreicher anarchistischer Autor, war der nahezu imaginäre Mentor von Jorge Borges.

Südkalifornien.

Oh, herrlicher Schmetterling meiner Vorstellungskraft,
Fliegst ein in die Wirklichkeit, viel realer
Als jede Vorstellung,

In einem Ausdruck der Verzweiflung schreibt Rexroth der Realpolitik der Sowjetunion und ihrer Vasallen mehr Realität zu, als allen verzweifelten Freiheitsbestrebungen, die in der Phantasie der Unterdrückten geboren wurden.

In einem verlassenen Freizeitzentrum irgendwo in den Vereinigten Staaten während des COVID-19-Lockdowns.

Das Böse
Der Welt begehrt dein lebendiges Fleisch.

Obwohl Rexroth mit dieser düsteren Bemerkung abschließt, dürfen wir ihn nicht als bloßen Pessimisten verstehen. Weiter vorne in seinem oben genannten Gedicht “22. August 1939”, hegt er die zweideutige Hoffnung, dass der Kampf gegen den Autoritarismus sich seinem Ende nähern könnte, auch wenn er noch Jahrtausende andauern könnte, wie auch Fredy Perlman schätzte:

Dies sind die letzten schrecklichen Jahre der Autorität.
Die Krankheit hat ihren Höhepunkt erreicht.
Zehntausend Jahre der Macht,
Der Kampf zweier Gesetze,
Die Herrschaft von Eisen und vergossenem Blut,
Die anhaltende Solidarität von lebendigem Blut und Geist.

Detroit.


Anhang

“NORETORP-NORETSYH”

Verregneter, rauchiger Herbst, aufgetürmte Wolken
Am hell erleuchteten pazifischen Himmel.

Im Golden Gate Park, die Pfaue
schreien, durchstreifen fallende Blätter.

In gerinnenden Nächten, in rußender Dunkelheit,
Marschieren die Matrosen von Kronstadt
Durch die Straßen von Budapest.

Die Steine
Der Barrikaden erheben sich und bebend
Nehmen sie Form an.

Sie formen die Gestalten
Von Machnos Bauernarmeen.

Fackeln erhellen die Straßen.

Die benzingetränkten Leichen
Der Anarchisten von Solowki
Brennen an jeder Straßenecke.

Kropotkins verhungerter Leichnam wird
Im Staatsgewand vorbeigetragen
An den Büros der geduckten Bürokraten.

In allen Politisolatoren
Von Sibirien melden sich die toten Partisanen zum Dienst.

Berneri, Andrés Nin,
Kommen von Spanien her mit einer Legion.

Carlo Tresca überquert
Den Atlantik mit der Berkman-Brigade.

Bucharin ist dem Rat für
Arbeit und Verteidigung beigetreten.

Zwanzig Millionen
Tote ukrainische Bauern schicken Weizen.

Julia Poyntz organisiert die amerikanischen Krankenschwestern.

Gorki hat ein Manifest geschrieben
“Intellektuelle dieser Welt!”

Majakowski und Jessenin
Haben zusammen an einer Ode gearbeitet,
“Lasst SIE Selbstmord begehen.”

In der ungarischen Nacht
Sprechen alle Toten mit einer Stimme,

Während wir radeln durch den grünen
Und sonnengefleckten November
Kaliforniens.

Ich kann diese Stimme hören
Klarer als den Schrei der Pfauen,
Am herbstlich sich senkenden Nachmittag.

Wie bemalte Flügel, die Farbe
Aller herbstlichen Blätter,

Der Rock mit runden Batikmustern
Den ich für dich gemacht habe, flackert im Wind
Über deinen unvergleichlichen Schenkeln.

Oh, herrlicher Schmetterling meiner Vorstellungskraft,
Fliegst ein in die Wirklichkeit, viel realer
Als jede Vorstellung,

Das Böse
Der Welt begehrt dein lebendiges Fleisch.


Übersetzt von Carolin Schiml

  1. “Die Situation ist meiner Meinung nach hoffnungslos, die Menschheit hat einen Punkt erzeugt, an dem das ökologische System umkippt… doch angenommen, es gibt eine Möglichkeit, den “todsicheren Kurs in der Dunkelheit” dieser Gesellschaft zu ändern, dann kann es nur durch Infektion, Infiltration, Streuung und Unauffälligkeit geschehen, mikroskopisch den ganzen sozialen Organismus durchsetzend, wie die unsichtbaren Teilchen einer Krankheit namens Gesundheit.” -Kenneth Rexroth, Radical Movements on the Defensive, San Francisco Magazine, July 1969.